Armut: Produkt unchristlicher Normen und Verhaltensweisen
Vortrag im Rahmen der Ausstellung Im Fall im Thuner Rathaus
2. September 2010
Einleitung

Erste Vorbemerkung
Gegenwart: Im ersten Strategiebericht des Bundesrates zur Armutsbekmpfung vom 31. Mrz 2010 wird Armut in Anlehnung an die Definition der EU wie folgt definiert: Personen, Familien und Gruppen sind arm, wenn sie ber so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfgen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.
Somit anerkennt die Landesregierung, dass es in der Schweiz Armut gibt. Im erwerbsfhigen Alter zwischen 20 und 59 Jahren leben 380000 Personen unter der Armutsgrenze, hinzu kommen 260000 Kinder, die in diesen Haushalten leben. Mit diesen 640000 Personen liegen wir etwas unter den 10%, welche die Caritas nachweist. In Thun sind die Zahlen auch vorhanden. Die Sozialhilfe- und EL-BezgerInnen machen 11,27% der Bevlkerung aus. Dies gleich zum Anfang, damit wir wissen, dass wir hier im Thuner Rathaus ber 4700 Armutsbetroffene in unserer Stadt reden.
Zweite Vorbemerkung
Wir drfen auch fr Thun festhalten, dass die sozialstaatlichen Institutionen und Strukturen die Armut nicht nur im Auge haben, sondern auch bekmpfen. Ich sage absichtlich: bekmpfen. Die soziale Situation der Menschen ist einem stndigen Wandel ausgesetzt. Und dieser Wandel muss laufend von den sozialkompetenten Institutionen reflektiert und hinterfragt werden, um neue Gegenstrategien entwickeln zu knnen. In dieser Arbeit ergnzen sich Stadt, Kirchen, Wohnhilfe, Contact, Stiftung ARCHE fr Sozialwohnungen, Frauenhaus, Asylkoordination und viele Sozialinstitutionen auf einem nach meiner Sicht, hohen Kooperationsniveau. Das stimmt hoffnungsvoll; und doch braucht es immer wieder Mehrheiten im Kampf gegen die Armut.
Dritte Vorbemerkung
Noch etwas zum Titel des Vortrags: Armut: Produkt unchristlicher Normen und Verhaltensweisen. Ich gehe davon aus, dass es christliche Normen gbe; hingegen das Leben nach diesen Normen noch einmal etwas anderes ist als die Normen selber. Beste Normen ntzen nichts, wenn nicht danach gelebt wird. Natrlich schauen wir als erstes zu Jesus von Nazareth, den Christus, wie er seine Botschaft und sein Leben inbezug auf die Armen verstanden hat.
Dann blicken wir auf die erste Christengemeinde und die Wirkungsgeschichte dieser Armutsbotschaft bis in die Zeit um 600. Und von da weg dann bis in die Gegenwart.

I. Jesus von Nazareth und sein Reich-Gottes-Programm

II. Neuste Forschungen an der ltesten Evangelienschrift, der sogenannten Logienquelle, zeigen Interessantes:
1. Jesus wird als Menschensohn, nie als Gottessohn bezeichnet.
2. Jesus tritt nicht als Messias, sondern als Prophet auf.
3. Jesus erzhlt Gleichnisse.
4. Von Jesus wird keine Krankenheilung, Totenauferweckung oder Wundergeschichte erzhlt
5. Jesus wird wieder kommen als Richter, und wer sich nicht an Jesus orientiert, wird im Gericht nicht bestehen.
6. Jesus stellt sich gegen das Patriarchat und achtet Frau und Mann als gleich wertig.
Mit seiner neuen Gemeinschaft durchbricht er die Sippenstruktur der Gesellschaft.
7. Seine Botschaft beginnt: Selig sind die Armen, selig sind die Hungernden, selig sind die Trauernden: Jesus steht voll und ganz fr die Armen ein.
8. Jesu Reich-Gottes-Programmist ein Kontrast-Programm zur damaligen vom rmischen Reich geprgten Gesellschaft.

Darauf mchte ich kurz eingehen. Was hat Rom auf der damaligen Welt verndert? Unsere Haltung zum Boden und zum Eigentum.
Erstens: Mit dem rmischen Eigentumsrecht wird das Anhufen von Geld und Mobilien im weitesten Sinn des Wortes gefrdert. Privatbesitz wird fast als heilig erklrt, was sich bis in unsere Bundesverfassung erhalten hat. Das muss nicht nur schlecht sein; es wird es aber dann, wenn parallel dazu dem Minderbemittelten gegenber keine solidarische Verpflichtung besteht. Das war im rmischen Reich durchaus so: eine Armenfrsorge kannte es nicht. Aus Armen machte man kurz und bndig Sklaven, und im Mittelalter Leibeigene. Da haben wir heute in der Bundesverfassung doch sehr klare Sozialziele, leider mit dem Schlusssatz: Aus den Sozialzielen knnen keine unmittelbaren Ansprche auf staatliche Leistungen abgeleitet werden. Schade; was dann?
Zweitens: Rmisches Recht erlaubt den Kauf von Land zum zeitlich unbeschrnkten Eigenbesitz. Das ist mir schon als Knabe bei Wanderungen im Tessin aufgefallen: Immer wieder stiessen wir an Gartenpforten, meist hohen und mit Eisenspitzen versehenen, mit dem grossen Schild: Privat. Erst spter lernte ich, was das heisst: es kommt vom lateinsichen privare und bedeutet: rauben. Das passt zum Verstndnis der Eroberungsmacht: Man raubt den Leuten einfach das Land und nennt es privat. Wie das vor sich geht, knnen wir heute im Westjordanland verfolgen, wenn eines Tages Bagger auffahren, Olivenbume einer palstinensichen Familie umreissen und dann Baugruben fr neue Siedlungen ausheben. Das ist Rauben nach rmischem Besatzungsrecht.
An dieser Stelle muss ich schnell ein Fenster ffnen: Ich war im Mai im Libanon und hatte die Gelegenheit, eines der zwlf Flchtlingslager zu besuchen: diese Lager wurden 1948 bei der Grndung des Staates Israel fr die vertriebenen Palstinenser eingerichtet. Damals ging man davon aus, dass dieser Aufenthalt einige Wochen dauern wrde, bis die UNO die Rckkehr der Palstinenser verfgt haben werde. Im von mir besuchten Lager Schatilla wurde damals in einem klar abgegrenzten Gebiet unmittelbar am Rande Beiruts Platz fr 5000 Flchtlinge angeboten. Heute leben auf derselben Flche 14000 Menschen eng zusammengepfercht: die Huser einfach immer wieder um ein weiteres Stockwerk erhht; zwischen den Husern Gsschen von knapp einem Meter Breite, oftmals sogar weniger. Hie und da strzen Huser ein, weil die Statik nie berprft worden ist. In diesem Lager unterhlt die UNO ein Sozialzentrum. Die Chefin, eine Palstinenserin, fhrte uns durch das Lager. In ihrem Zentrum werden Kindergarten, Schule und eine Zahnarztpraxis angeboten. Wohl haben die Schulzimmer Fenster; aber ffnet man sie und streckt den Arm hinaus, berhrt man bereits die Hauswand des Nachbarhauses. Kein Sonnenlicht, nur knstliches Licht. Erst zuoberst auf der Terrasse hat ein deutsches Hilfswerk eine grosse Zeltplache angeschafft, wo sich alle SchlerInnen treffen knnen. Die Armut ist unbeschreiblich, denn die Leute haben keine Gelegenheit, sich zu bettigen und einem Verdienst nachzugehen. Sie sammeln Altwaren und verkaufen diese, sofern jemand berhaupt Geld hat. Die UNO sorgt mindestens dafr, dass niemand hungern muss. In diesem Lager gibt es auch ein Atelier, wo Frauen die palstinensischen Stickereien herstellen, die dann ber Freunde bis hier in die Schweiz zum Verkauf gelangen. Ich ffne dieses Fenster, weil ich grsste Armut und Hoffnungslosigkeit im Ausland einblenden will, damit wir uns bewusst bleiben, dass wir hier in unserem Land von einer Armut auf hohem Niveau sprechen. Aber es wrde dieses Vortrag sprengen, wollte ich auch noch auf die weltweite Armut vor allem in Lndern der Sdhalbkugel eingehen.
Zum Boden hatte schon das Alte Testament eine sehr differenzierte Haltung. Im 3. Buch Mose wird sehr ausfhrlich darber legiferiert. Ein Schlsselsatz (3 Mose 25,23): Grund und Boden darf nicht fr immer verkauft werden, denn das Land ist mein, und ihr seid Fremde und Leute mit Bleiberecht bei mir, spricht Gott. (35-37) Wenn dein Mitmensch verarmt und seine Hand neben dir zu zittern beginnt, sollst du ihn sttzen sei er fremd oder mit Gastrecht, damit er mit dir leben kann. Du sollst von ihm weder Zins noch Zuschlag nehmen. Du sollst Gott Ehrfurcht erweisen, so dass dein Mitmensch mit dir leben kann. Dein Geld sollst du ihm nicht gegen Zins leihen, noch deine Nahrung mit Zuschlag geben.
Das nennt man Bodeneigentumsrecht mit Mass. Das rmische Bodenrecht ist masslos. Es hat auch in unserem Land alles auf den Kopf gestellt. Bereits das vorrmische und dann das alemannische Bodenrecht geht vom gemeinsamen Bodenbesitz aus, von der Allmende. Der einzelne Haushalt hat nur fr die Selbstversorgung vor dem Haus sein ihm zugewiesenes Stck Land. Hingegen fr das Kleinvieh, seit dem 13. Jahrhundert auch fr das Grossvieh, stehen die Allmenden allen zur Verfgung. Noch heute gehrt fast die Hlfte des Kantons Uri Alp- oder Allmend- Genossenschaften. Aber gleichzeitig begannen die Patrizier und die Adeligen mehr und mehr Land als ihr Eigen zu beanspruchen und hielten sich ihre Untertanen, die sie gndigst auf ihren Lndereien schuften liessen und dazu von ihnen noch hohe Abgaben forderten.
Das rmische Bodenrubertum setzte sich fort, obschon die Rmer schon lngst abgezogen waren. Und so kostet halt heute der Quadratmeter Boden in St. Moritz 40000 Franken.....Einheimische wandern aus sie knnen die Mieten, geschweige die Bodenpreise nicht mehr bezahlen.
Diese Bodenrubermentalitt wird bereits von den Propheten heftigst bekmpft, weil sie Armut erzeugt! Und Jesus von Nazareth stellt dagegen ein Kontrastprogramm auf: Das Reich Gottes als Ort, wo jeder Mensch und die ganze Kreatur ihr Lebensrecht und ihre Wrde behlt.
Schauen wir jetzt, wie sich diese Botschaft in der Geschichte des Christentums niederschlgt.

II. Schlsseltext im Neuen Testament

Ein Schlsseltext im Blick auf die Armuts-Thematik ist zweifelsohne der Bericht in der Apostelgeschichte ber das soziale Verhalten der ersten Christengemeinde. Wir lesen im 6. Kapitel folgendes (6,1): Als sich aber in jenen Tagen die Zahl der Jnger und Jngerinnen zu Jerusalem mehrte, entstand ein Murren der griechisch sprechenden gegen die einheimischen, weil ihre Witwen bei der tglichen Versorgung bersehen wurden.
Im Blickfeld ist die internationale Grossstadt Jerusalem. Hier wohnen nicht nur einheimische Hebrer, sondern auch aus dem Mittelmeerraum zugewanderte griechisch sprechende Leute: Griechisch ist im ersten nachchristlichen Jahrhundert die damalige Weltsprache wie das Englische heute. Das knnen also Kaufleute sowohl aus Spanien, Nordafrika, Italien, Griechenland oder Kleinasien sein, die sich in dieser internationalen Stadt niedergelassen haben, um ihre Geschfte zu betreiben. Es knnen aber genauso Handwerker sein, die mit ihren Begabungen in Eisen-, Silber- oder Gold-Bearbeitung nach Jerusalem gefunden haben, oder Soldaten in rmischen Diensten fr Bewachung oder Zollabfertigung, alle mit Familiennachzug. Sie sind Bewohner der Stadt Jerusalem, wohin sie auch ihre eigene Religion aus ihrem Land mitgebracht haben und mehr oder weniger praktizieren. Jerusalem ist also nicht nur multikulturell bevlkert sondern auch mutlireligis.
Und aus diesen griechsich sprechenden Kreisen gibt es nun Einzelpersonen und Familien, die sich der neuen christlichen Gemeinde angeschlossen haben. Diese noch sehr junge Gemeinde Jesus ist noch nicht zehn Jahre am Kreuz verschieden und am Ostermorgen auferstanden diese noch sehr junge Gemeinde wird von Einheimischen, sprich: Jngern und Jngerinnen dieses Jesus von Nazareth mit hebrischer Muttersprache und je nachdem mangelhaften Griechisch-Kenntnissen geleitet.
Und was ist das Besondere dieser Christengemeinde? Ein paar Seiten vorher schildert Lukas in der Apostelgeschichte, wie sich die Gemeinde versteht (4,32 ff.): Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele, und nicht einer nannte etwas von dem, was er besass, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Ja, es gab niemanden unter ihnen, der Not litt. Denn die, welche Land oder Huser besassen, verkauften, was sie hatten, und brachten den Erls des Verkauften und legten ihn den Aposteln zu Fssen; und es wurde einem jedem zuteil, was er ntig hatte. Das ist die solidarisch lebende Gemeinschaft der Glubigen. Und diese neue Gemeinschaftsform geht auf Jesus von Nazareth zurck.
Das muss ich kurz erlutern. Worin bestand die Provokation Jesu in der damaligen jdischen Gesellschaft? Die jdische Gesellschaft ist nicht nur eine durch und durch patriarchale, sondern sie ist eine Familien- und Sippengesellschaft. Die Sippe ist durch die Familienbande klar definiert. Und da geht jedes Mitglied fr das andere durchs Feuer, wenn es sein muss. Die Sippen oder Stmme, wie sie auch genannt werden, bildeten ursprnglich den Verband, der sich von Moses ins verheissene Land fhren liess. Und diese Stmme erhielten bekanntlich die 10 Gebote, die damals ganz klar und ausschliesslich fr diesen Stammesverband Geltung hatten: Das Ttungsverbot gilt nur innerhalb der Sippe: ausserhalb, gegen Feinde oder Eindringlinge darf gettet werden. Das Diebstahlverbot gilt nur innerhalb der Sippe; ausserhalb ist Diebstahl erlaubt. Geeinigt wird dieser Stmmeverbund durch den Glauben an den Gott, der sie aus dem Sklavenhaus in Aegypten befreit hat.
Die Familie, resp. die Sippe ist also auch das soziale Netz. Aber da gibt es Ausnahmen: weil wir es mit einer patriarchalen Gesellschaft zu tun haben, sind nur Mnner gefhrte Familien lebens- und unterhaltsfhig. Wenn eine Frau Witwe wird, wird sie zur Unperson, weil der Mann fehlt. Dasselbe gilt fr Vollwaisen. Wenn es in der Sippe keinen Sohn gibt, der sich seiner zur Witwe gewordenen Mutter, oder keinen Angehrigen gibt, der Vollwaisen annimmt, sind diese aus der Sippe ausgeschlossen und auf das Betteln angewiesen.
In dieses familiengebundene Gesellschaftsmuster hinein wird Jesus von Nazareth geboren. Und er durchbricht es. Als Erstgeborener und nach dem Tod seines Vaters verantwortlicher Ernhrer der Familie verlsst er Haus und Familie mit Dreissig und beginnt ein Leben in einer familienbergreifenden Gemeinschaft: Er verkndigt einen universalen Gott der Liebe, der sich nicht nur an das Volk Israel binden lsst, sondern als Schpfer der Welt Vater jedes Menschen ist. Nicht die Familienbande konstituiert die Gemeinschaft, sondern der Glaube an die universale Liebe in diesem einen Gott.
In Jesu Gemeinschaft befinden sich nicht nur Mnner, wie es sptere Zuspitzungen auf die zwlf Aposteln weismachen mchten, sondern ebenso Frauen, die gleichberechtigt daran teilnehmen. Schliesslich, immerhin das wurde von den nach wie vor patriarchal geprgten Evangelienschreibern nicht verschwiegen, war eine Frau namens Maria Magdalena die erste Zeugin der Auferstehung; also weder Petrus noch Johannes: es war eine Frau!
Sie knnen sich vorstellen, welche Widerstnde diese neue Gemeinschaftsform in Israel auslste: ungeheuerliche! Sogar seine eigene Familie wollte ihn nachhause holen, weil sie berzeugt war, Jesus spinne. Er antwortete ihnen (Lk 8,21): Meine Mutter und meine Brder und Schwestern sind die, die das Wort Gottes hren und danach handeln.
Und jetzt kommen wir zurck nach Jerusalem in die erste, noch junge Gemeinde, die eine solidarische Gemeinschaft lebt, d.h. auch die Gter teilt: jedes soll zum Leben haben, was es ntig hat. So weit so gut.
Aber jetzt beginnt es zu mnschele: wahrscheinlich ist die Sprache ausschlaggebend. Die Einheimischen schauen fr sich. Und wenn sie sich treffen, gibt es zwei Gruppen: die Einheimischen sitzen hier, und die griechisch Sprechenden in einer andern Ecke des Raumes. Nun geht es darum, das Verteilen der Nahrungsmittel zu organisieren, weil die Gemeinde grsser und grsser wird: es braucht eine erste Organisation des sozial- diakonischen Einsatzes in der Essensverteilung, insbesondere an die Witwen, die irgendwo verstreut in der Stadt in einem bescheidenen Hauswinkel leben. Und bei diesem Einsatz gehen die griechisch sprechenden Witwen leer aus. Das erzeugt Unmut, ja Rebellion vor den Aposteln; denn auch sie haben ihre Mhe mit dem universalen Gemeinschaftsverstndnis, weil sie immer noch im Sippendenken verhaftet sind. Als sich aber in jenen Tagen die Zahl der Jnger und Jngerinnen zu Jerusalem mehrte, entstand ein Murren der griechisch sprechenden gegen die einheimischen, weil ihre Witwen bei der tglichen Versorgung bersehen wurden.
Wie reagieren jetzt die Apostel? (6,2 ff.): Die Zwlf beriefen nun die Versammlung der Jnger ein und sprachen: Es geht nicht an, dass wir die Verkndigung des Wortes Gottes und den Tischdienst, d.h. die Nahrungsverteilung, bei den griechisch Sprechenden vernachlssigen. Seht euch also um, ihr griechisch sprechenden Brder, nach sieben Mnnern aus eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geist und Weisheit sind; die wollen wir einsetzen fr diese Aufgabe.
Darauf wurden sieben griechisch sprechende Brder mit diesem Auftrag gewhlt: griechische Predigt und Sicherstellung der Nahrungsverteilung bei den griechisch sprechenden Gemeindegliedern.
Das Fazit aus diesem Schlsseltext: In der christlichen Gesellschaft gibt es keinen Unterschied zwischen Fremden und Einheimischen und es darf keine arme und hungernde Gemeindeglieder geben.

III. Die Wirkungsgeschichte dieses Schlsseltextes bis um 600 n.Chr.

Wie die Wirkungsgeschichte bis heute zeigt, ist diese jesuanische Gesellschaftstheorie die Grundlage fr den demokratischen Sozialstaat. Sie baut auf die Menschenwrde jedes Menschen als Geschpf Gottes und auf die bedingungslosen Liebe ber die Familien- und Religionsgrenzen hinaus und schlgt sich im solidarischen Gemeinschaftssinn nieder.
Doch eines nach dem andern: Nicht nur Jesus musste sein Leben lassen wegen seines universalen Gottesbildes und seiner neuen Gesellschaftstheorie, sondern auch unzhlige Glieder der ersten Christengemeinden. Sieben rmische Kaiser versuchten mit brutalen Verfolgungen die Christen auszurotten, angefangen mit Nero (54-68), dann Domitian (81-96), Marc Aurel (161-180), Septimus Severus (193-211), Decius (249-251), Valerian (253-260) und Diokletian (284-305). Statt einer Reduktion der Christengemeinden resultierte aus diesen Verfolgungen eine unglaubliche Vermehrung. Diese Verfolgungen hatten auch damit zu tun, dass die Christengemeinden von Anfang an gegen die Sklaverei eingestellt waren. Im Philemonbrief des Paulus, der an einen christlichen Sklavenhalter geschrieben ist, legt ihm dieser nahe, seinen zum Christentum bekehrten Sklaven Onesiumus als Bruder, d.h. als Freien in sein Haus aufzunehmen. Das rmische Reich ohne Sklaven ist nicht funktionstchtig. Folglich knnte eine Religion, die sich gegen das Sklaventum stellt, nur Unruhe und Probleme schaffen. Ferner lehnten natrlich die Christen das Kaiseropfer ab, mit dem sie bezeugen mussten, dass sie den Kaiser als gottgleich verehrten. Auf diesem Hintergrund sind die Christenverfolgungen zu verstehen.
Aber die christliche Religion breitet sich aus: in Nordafrika bis Spanien, in Aegypten, Syrien, Kleinasien, Griechenland, Italien und Gallien. Kaiser Galerius sieht dieses Wachstum und erlsst 311 ein Toleranzedikt und verbietet die Christenverfolgung. Sein Nachfolger Konstantin schlgt den Konkurrenzkaiser Maxentius bei der Milvischen Brcke und zieht entgegen der Tradition bei seinem Triumphzug nicht zum Kapitol, um den Gttern zu opfern.
Dies zeigt, dass er seinen berraschenden Sieg nicht den alten Gttern zuschrieb, sondern er war berzeugt, dass die hchste Gottheit, der Schpfer des Universums, ihn auserwhlt und ihm den Sieg verliehen hatte. 313 erliess Konstantin das Edikt von Mailand, das den Christen die vollstndige Freiheit der Religionsausbung gewhrte. Seine Mutter Helena war ebenfalls Christin geworden und liess in Jerusalem die berhmte Rundbau-Grabeskirche und in Bethlehem die Geburtskirche bauen.
Es war dann Kaiser Theodosius I. der Grosse, welcher 380 das Christentum zur Staatsreligion erklrte und diesen Beschluss durch das kumenische Konzil von Konstantinopel 381 besttigen liess. Jetzt waren der Entfaltung des Christentums Tr und Tore offen. Das hatte eine Vergrsserung der Gemeinden innert relativ kurzer Zeit zur Folge, und diese verlangte sowohl nach neuen, grsseren Kirchengebuden als auch nach einer guten Organisation.
(Angenendt S. 63) Kernzelle aller kirchlichen Organisation war die Ortskirche. Ihre Leitung lag, nachdem sich seit dem 2. Jahrhundert das Bischofsamt durchgesetzt hatte, in der Hand der Bischfe, die dabei die Nachfolge der Apostel beanspruchten. Der Bischof spendete die Taufe und stand regelmssig der Eucharistiefeier vor. Zudem weihte er den Klerus. Sodann wachte er ber den Lebenswandel und ebenso ber die wahre Lehre. Sein Sprengel entsprach im allgemeinen der Civitas, dem kleinsten rmischen zivilen Verwaltungsbezirk. Damit wir uns die Grsse vorstellen knnen werfen wir einen Blick auf das Gebiet der heutigen Schweiz. (kumen.KG der CH, S.24): Der erstgenannte Bischof Justinian hatte den Sitz in Kaiseraugst (spter Basel) und nahm 346 am Konzil in Kln teil. Kurz darauf setzt die Bischofsliste der Bischfe von Chur ein. Die Bischofsliste von Octodurus, heute Martigny, spter Sitten, beginnt 381 mit Bischof Theodul. Die Bischofsliste von Genf setzt um 400 ein, jene von Avanches, spter Lausanne, trgt den ersten Namen im Jahr 517. Diese spte Nennung knnte einerseits mit dem Wechsel nach Lausanne zu tun haben, anderseits dass kein Bischof von Avanches an einem Konzil anwsend war.
(Angenendt, Frhmittelalter S. 59) Neu war in der griechischen und rmischen Welt die christliche Caritas: eben das frsorgerische Handeln der Christen. Weder Stiftungen noch Vereine haben sich in der griechischen oder rmischen Welt je mit Armenpflege beschftigt und eben so wenig der Staat! Wer arm wurde, wurde versklavt. Punkt. So einfach! Diese Haltung entspricht einem Menschenbild, das die Menschheit schicksalsmssig in Kasten oder Klassen mit sehr unterschiedlichen Rechten und Pflichten unterteilt. Da ist noch lngst nicht jeder vor dem Gesetze gleich!
Nicht so das Christentum! Armenfrsorge, und berhaupt die Sozialttigkeit, war ein entscheidender Punkt christlicher Bewhrung. Schon bei der Taufbvorbereitung wurde die Einbung in aktive Nchstenliebe und in Werke der Caritas zur Bedingung gemacht. (In Klammern bemerkt: die heutige KUW kennt aus eben diesem Grund im 8. und 9. Schuljahr das Sozialpraktikum). Weitergabe des Wortes Gottes und ttige Nchstenliebe sind untrennbar!
Mit dem Abendmahl waren ursprnglich Agape-Mhler verbunden Liebes-Mhler -, die den Armen den Unterhalt boten, resp. mindestens eine tgliche Mahlzeit. In der Folgezeit als die Gemeinden viel zu gross und die Agape-Mhler zum symbolischen Akt wurden, blieb das Abendmahl trotzdem der Ort des Opfers fr die Bedrftigen. Entweder in Form von Naturalien oder von Geldspenden.
Fr die stdtischen Massen, denen in der Antike keinerlei soziale oder medizinische Einrichtungen zur Verfgung standen, schufen die Christen erste Wohlfahrtseinrichtungen. Statt fr Spiele und Gladiatorenkmpfe, die brigens unter christlichem Einfluss gegen das Jahr 400 aufhrten, sollte das Geld den Bedrftigen gegeben werden. Mit der neuen Sozialpraxis wirkte das Christentum revolutionr; es entfaltete damit ein Prinzip der ungeheuersten geistigen und auch der materiellen, rechtlichen und institutionellen Revolution. (E. Troeltsch).
Dies lsst sich sehr interessant bei frhen Kirchenordnungen nachweisen. Vor mir liegt der Text einer syrischen Kirchenordnung aus dem 5. Jahrhundert, also nach 400 geschrieben. Sie nennt sich Vermchtnis des Herrn und hat eine bereits verhltnismssig gut ausgebaute Stadtkirche vor Augen: Unter der Leitung eines Bischofs wirken 12 Priester, 7 Diakone und 13 Witwen in der Stadt als Helferinnen der Diakone im Sinne unserer SPITEX. Die Ordnung steht noch voll und ganz unter dem Auftrag Jesu an seine Nachfolger und Nachfolgerinnen. Wenn Jesus seinen Jngern sagt, sie seien das Licht der Welt, denkt er nicht an ihre klugen Predigten oder an ihre erleuchtete Theologie, sondern offensichtlich an die Ausstrahlung, die von ihren guten Taten ausgeht: Niemand zndet ein Licht an und stlpt dann einen Eimer darber. Ein Licht stellt man vielmehr auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen (Mt 5,16).
Nun also zu besagter syrischer Kirchenordnung. Bereits Art. 1 hlt fest: Der Platz der Priester und der Diakone soll hinter dem Presbyterium sein. Gleich bei der Kirche soll ein Hospiz sein, wo der Diakon die Fremden empfngt. Andachtsraum und Sozialraum gehren zusammen! Fremden ist Platz anzubieten! Vor drei Monaten besuchte ich die wohl lteste Kirche Syriens im Kloster Maalula und stand vor dem Altar aus der Mitte des 4. Jahrhunderts! Eine Kirche mit derselben Grundstruktur im Bau wie die Schlosskirche Spiez. Das beeindruckte mich tief, wenn man gleichzeitg diese Kirchenordnung kennt. Art. 8: Wie es recht und passend ist, geht der Priester zusammen mit dem Diakon in die Huser der Kranken und besucht sie. Er berlegt sich, was er ihnen Passendes und Ntzliches sagen kann, besonders den Glubigen. Das Aufsuchen der Kranken, auch der Unglubigen oder Nichtglubigen, gehrt zur Pflicht des Priesters. Und der Diakon ist fr die Versorgung der Kranken zustndig.
Art. 12: Wenn der Diakon in einer Stadt ttig ist, die am Meer liegt, soll er sorgsam das Ufer absuchen, ob nicht die Leiche eines Schiffbrchigen angeschwemmt worden ist. Er soll sie bekleiden und bestatten. In der Unterkunft der Fremden soll er sich erkundigen, ob es dort nicht Kranke, Arme oder Verstorbene gibt, und er wird es der Gemeinde mitteilen, dass sie fr jeden tut, was ntig ist. Die Gelhmten und die Kranken wird er baden, damit sie in ihrer Krankheit ein wenig aufatmen knnen. Allen wird er ber die Gemeinde zukommen lassen, was not tut.
Wir sehen: Es gehrt zur Aufgabe der ganzen Gemeinde, fr Arme, Kranke da zu sein. Jeder gibt, was er kann.
Schliesslich Art. 14: Der Diakon soll in allem wie das Auge der Kirche sein. Das ist die heiligste Aufgabe christlichen Liebesdienstes: die Nte zu erkennen, die Nte zu sehen! Und dann zu handeln.
Und jetzt kommt die schlimmste Zeit auf die Vlker des ehemaligen rmischen Reiches zu: 476 fllt Rom, mit ihm der letzte rmische Kaiser und das einst so glorreiche rmische Reich. Schon vorher, aber jetzt erst recht, ziehen sich die Adeligen Rmer mit ihren Handwerkern und Dienerschaften nrdlich der Alpen zurck nach Italien, zurck in ihre angestammten Sitze. Innert kurzer Zeit wir blicken auf die heutige Schweiz sind die Regierungsstrukturen zerstrt. Man weiss nicht, wer das Sagen hat. In dieser furchtbaren Wirrnis sind die Bischfe die einzigen, die ber eine zwar noch sehr einfache, aber doch ber eine Struktur verfgen. Sie haben fast von einem Tag auf den andern neben ihrem geistlichen Amt die Aufgabe der politischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Fhrung ihrer Dizese.
Wir sind immer noch bei der Wirkungsgeschichte unseres Schlsseltextes aus Jerusalem. Wir kommen geographisch nher, nmlich nach Gallien, dem heutigen Frankreich, genauer in die Stadt Arles. Hier wirkt Bischof Caesarius bis zu seinem Tod 542. Seit 502 ist er Bischof, die Stadt ist westgotisch; 507 besetzen sie die Ostgoten und 534 wird die Stadt frnkisch: es ist die Zeit der Vlkerwanderung. Caesarius steht fr seine Christengemeinde mal vor arianischen, dann katholischen Knigen, und setzt sich fr die Armen und Gefangenen aufopfernd ein, wie aus Schriften zu erfahren ist. Aus der Ostkiche, eben zB Syrien, bernahm er den Brauch, neben jede Kirche ein Xenodochium zu stellen, eine Fremdenherberge, wo Arme, Umherziehende, Heimatlose gepflegt und verpflegt wurden. Bald kam auch die Pflege von Leprsen dazu. Von diesen Diakoniehusern konnte es pro Stadt bis zu sieben geben.
Von Caesarius sind noch viele Predigten erhalten, wo er kernig klar gesprochen hat.
zB: Die Armen leben von den Reichen; ihnen das Almosen vorzuenthalten, heisst sie tten.
Wir ziehen das Fazit der christlichen Wirkungsgeschichte bis ins 6. Jh.: Die Sorge um die Armen, Gefangenen, Kranken ist neben der Verkndigung die erste Hauptaufgabe der Kirche. Und durch sie wird die Kirche in der Bevlkerung auch wahrgenommen als nicht mehr wegzudenkende Institution.

IV. Zwei Sndenflle der Kirche: Zeit von 600 bis zur Reformation

Leider begeht die Kirche in den folgenden Jahrhunderten zwei fatale Snden. Rom wird zu einem Machtfaktor auf dem politischen Parkett, und die Klster entwickeln ganze Herrschaftsgebiete. Bis ins 11. Jahrhundert haben sich einerseits die Kirchen in den einzelnen Lndern sehr autonom entwickelt, zuweilen mit eigenen Liturgien, aber immer noch ihren Doppelauftrag von Diakonie und Verkndigung wahrnehmend. Anderseits entstanden jetzt u.a. durch die Mission der irischen Mnche oder aufgrund strategischer Entscheide der Karolinger Klster, die in der Armen- und Krankenfrsorge fr ihre Regionen von Bedeutung wurden.
Und dann lutet Papst Gregor VII. nach dem kurz vorher vollzogenen Bruch mit der byzantinischen Ostkirche (1054) im Jahr 1077 mit seinem Dictatus Papae die Machtpolitik Roms ein. In diesem 27 Punkte umfassenden Dekret positioniert er sich und Rom in der mittelalterlichen Welt. Da liest man zB folgendes:
Art 1: Dass die rmische Kirche vom Herrn allein gegrndet worden ist. Art. 2: Dass allein der rmische Papst mit Recht universal genannt wird. Art. 3: Dass er allein Bischfe absetzen und wieder einsetzen kann. Art. 9: Dass alle Frsten nur des Papstes Fsse kssen.
Art. 12: Dass es ihm erlaubt ist, Kaiser abzusetzen. Art. 18: Dass sein Urteilsspruch von niemandem widerrufen werden darf und er selbst als einziger die Urteile aller widerrufen kann. Art. 19: Dass er von niemandem gerichtet werden darf. Art. 22: Dass die rmische Kirche niemals in Irrtum verfallen ist und nach dem Zeugnis der Schrift niemals irren wird. Art. 26: Dass nicht fr katholisch gilt, wer sich nicht in bereinstimmung mit der rmischen Kirche befindet.
Ich glaube, diese Auswahl gengt, um klar zu machen, worum es der Kirche jetzt geht: um Macht, resp. um die Vormacht vor Kaisern und Knigen. Diese und ihre Adligen haben bis jetzt sehr viel fr die christliche Kultur und Ausbreitung des Evangeliums getan, indem sie unzhlige Kirchen gestiftet und gebaut haben, wo sie auch ihre Mitsprache bei der Bestellung der Priesterschaft beanspruchen.
Gregor VII. verlangt jetzt klipp und klar, dass nur noch Priester amtieren drfen, die durch Bischfe geweiht und eingesetzt sind. Ferner will er nur noch geweihte Priester am Altar. Von Diakonen ist bezeichnenderweise keine Rede mehr. Nicht die Caritas, sondern die potestas, die Macht, ist jetzt das Thema der Kirche.
Der Streit beginnt mit den weltlichen Frsten, die sich ihre Kirchen nicht einfach so wegnehmen lassen. Und noch etwas: die Gier kennen wir nicht erst von den Bankern. Sie begann in der Kirche zu wten. Die Bevlkerung zeigte sich seit dem 6. Jahrhundert den Kirchen, die sie als sehr hilfreich in Krankheits- und Armuts-Zeiten erlebt hatten, sehr dankbar und beschenkte sie sowohl mit Lndereien, ganzen Gtern, kostbaren Gewndern oder liturgischen Gerten. Mehr und mehr sackten die in der Regel verheirateten und noch nicht dem Zlibat verpflichteten Priester diese Geschenke ein vor allem die Lndereien und machten sie so zum Familieneigentum, das dann weitervererbt und so der Kirche
entfremdet wurde. So entgingen der Kirche mehr und mehr Lndereien. Das stellte auch Papst Gregor VII. fest und verlangte endgltig den Zlibat fr die Priester, damit die Gter bei der Kirche blieben. Leider wird dieser Aspekt des Zlibatszwangs fr Priester kaum erwhnt. Das andere Unwesen war die Simonie. Natrlich zeigte sich bald, dass gewisse Gemeinden sehr begtert waren und sich auch fr die Entlhnung der Priester etwas kosten liessen. Das Priesteramt wurde zur Handelsware: es konnte gekauft werden. Mehr und mehr setzten begterte Priester Verweser in den von ihnen erworbenen Kirchen ein, selber waren sie selten oder nie zugegen. Auch die Simonie der mterkauf wurde vom Papst bekmpft, aber fast wirkungslos. Papst Innozenz VIII. kam 1484 durch Simonie an die Macht, ebenso Papst Alexander VI. 1492 mit vier Maultierladungen Silber. Zuguterletzt und ehrlich gesagt, das erschttert mich hat der hochgejubelte Papst Johannes Paul II. in der Papstwahlrechts-Konstitution 1996 besttigt, dass auch ein Papst, der durch Bestechung gewhlt worden ist, gltig gewhlt bleibt! Nur jene, die von ihm Bestechungsgelder empfangen haben, werden exkommuniziert. Ein die andern bestechender Papst kann also auf den Thron gehisst werden! Was fr eine verlogene Geschichte! (Apostolische Konstitution, 22. Febr. 1996, Kapitel VI, Art. 78)
Was will ich mit diesem kirchengeschichtlichen Exkurs sagen: Die Kirche legt in der ganzen Investiturstreit-Zeit eben dem Kampf um die Weltvorherrschaft von Papst oder Kaisser - ihr Hauptgewicht nur auf Machterhaltung und Machtvermehrung. Papst Innozenz III. setzt 1215 noch eines drauf, weil jetzt die Abendmahlsfeier zur Zchtigung der Menschen instrumentalisiert wird: Jeder Christ muss entweder jhrlich mindestens einmal beichten oder jedes Mal vor einem Messebesuch. Die Fegefeuertheologie wird voll ausgebildet, jedermann und jederfrau hat Angst vor dem Sterben; aber die Kirche bietet eine Linderung an: Beichte und Messe. Lngst merkt das Volk, was da abgeht. Die Diakonie wird vernachlssigt. Jetzt entstehen in den Stdten Frauenzirkel von Brgerfrauen, die sich fr die Krankenpflege zusammentun. Diese Beginenhuser bieten jetzt den SPITEX-Dienst an; denn lngst werden Kirchen und Kathedralen gebaut ohne ein Xenodochium oder ein Hospiz daneben. Die Caritas oder Diakonie wird vernachlssigt, stattdessen werden den Leuten bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Batzen aus dem Sack gezogen, und viele Batzen kommen nach Rom. Den Hhepunkt dieser Entwicklung bildet schliesslich der Ablasshandel: Mit Geld kann die Fegefeuerzeit verkrzt werden. Jetzt kommt die Reformation.
Doch zuerst noch ein Blick auf die Klster. Zuerst das Positive: Sie retten durch das ganze Mittelalter das Bildungswesen von der Sptantike in die Neuzeit. Hier werden nicht nur die christlichen Schriften getreulich abgeschrieben und tradiert, sondern auch die griechischen und lateinischen Philosophen werden grndlich studiert. Die Klster werden zu den Bildungsanstalten des Adels.
Aber jetzt auch eine Kehrseite: ber die Klster interessant nachzulesen im Buch des Schweizer Historikers Roger Sablonier Grndungszeit ohne Eidgenossen: Einsiedeln, Engelberg, Fraumnster Zrich und andere. Diese Klster kommen durch Schenkungen zu mehr und mehr Landbesitz in einer Landschaft, die von der Dreilnderwirtschaft und dem Allmendwesen geprgt ist. Ab ca. 1300 beginnen diese Klster mit der Grossviehwirtschaft, whrend die Landbevlkerung noch mit Schafen und Ziegen wirtschaftet. Grossvieh braucht mehr Land. So stecken die Klster ihre Zune weit hinein in die Allmenden und nehmen so der Landbevlkerung die Existenzgrundlage weg. Deshalb kommt es lange vor der Reformation zu Klosterstrmen!
Was mssen wir hier feststellen? Anstatt dem ursprnglichen Klostergedanken nachzuleben: der Stille, Bildung, Andacht und Einkehr, aber auch der Armen- und Kranken-Frsorge fr die regionale Bevlkerung, entsteht ein Machtkampf um Land; denn das Grossvieh lsst sich sehr gut nach Italien verlaufen: dort befinden sich die grossen Abnehmer. Ja, es geht noch weiter: es entstehen Klster mit einem Frstabt als Vorsteher: zB Basel oder St. Gallen. Letzteres hat grosse Untertanenlnder wie das Frstenland bis Wil und das Toggenburg. Die Landbevlkerung ist abgabepflichtig und leidet enorm unter den Steuer- und Abgabelasten. Die Reformation wird fr sie zur Befreiung! Ja, wo bleibt da das jesuanische Gebot der Armenfrsorge? Das Umgekehrte war jetzt der Fall: Aussaugen der Armen bis auf den letzten Blutstropfen.
Ich schildere die Sache holzschnittartig, ich weiss; aber wer will, kann das alles nachlesen in Berichten von ausserhalb der Klster. Dabei darf auch nicht verschwiegen werden, dass kleinere, vor allem Frauen- oder Bettelordensklster bei ihrem ursprnglichen Auftrag geblieben sind. Aber berall, wo der Besitz zu goss wurde, begann die Macht- und Wirschaftspolitik zu dominieren.
Ein Korrektiv gab es immerhin: Fanziskus von Assisi litt dermassen unter der geldbesessenen Kirche, dass er die Gemeinschaft der Armen Brder grndete, spter als Franziskanerorden vom Papst doch noch akzeptiert. Die zweite Bettelordensgrndung war ebenso im 13. Jh. jene der Dominikaner. Interessant: Beide Orden wurden vom Brgertum in den Stdten sehr willkommen geheissen und ihnen wurden Parzellen innerhalb der Stdte angeboten. In Bern stand das Dominikanerkloster, wo sich die franzsische Kirche hinter dem Kornhaus befindet und das Franziskanerkloster dort, wo heute das Konzert-Casino steht. Wieso dieser Empfang? Beide Orden wandten sich einerseits den Armen zu und lebten einen vorbildlich einfachen, bescheidenen Lebensstil, der sehr beeindruckte, anderseits boten sie fr das Patriziat Schulungsmglichkeiten.
Ich habe bereits die Beginenhuser erwhnt. Brgerfrauen verpflichteten sich in dieser Frauengemeinschaft zu leben und zu dienen; aber nicht auf Lebenszeit. Sie pflegten die christliche Frmmigkeit und Gtergemeinschaft. Irgendeinmal traten sie aus, meist, um zu heiraten, andere blieben ledig bis zum Tod in der Beginengemeinschaft. Thun hatte auch mindestens deren zwei, Bern ursprnglich neun. Wir sehen: Das Brgertum erwachte nach 1200 und wurde selber aktiv, wo die Kirche versagte. Die neutestamentliche Liebesbotschaft sucht sich eben ihre eigenen Wege in die Herzen der Menschen. So richteten die Stdte jetzt meist Siechenhuser ein, wo die Leprsen behandelt wurden, oder die ersten Spitler waren Stiftungen von vermgenden Brgerinnen oder Brgern. So die Anna Seiler, welche Mitte des 14. Jahrhunderts das Anna Seiler-Spital in Bern mit 13 Betten stiftete.
Die Kirche hatte sich auf den Kult und die Verwaltung der Kulte zurckgezogen. Das einzige, was das Brgertum der Kirche berliess, war die Geldsammlung fr die Armen. Noch im 15. Jh. war es gang und gbe bei vermgenden Brgerfamilien, dass sie ein bis vier Arme am Mittag zu Tisch luden und ernhrten: das lsst sich zB bei der reichsten Berner Brgerin Anna von Krauchtal-von Velschen nachweisen.
Doch nach und nach begann sich in der streng mnnerdominierten und patriarchal- hierarchisch gefhrten Kirche Widerstand gegen die Frauen zu regen. Dass sie als Hebammen eine derart wichtige Stellung innehatten und sehr viel ber Heilmittel wussten, und dass sie selber aktiv wurden und Caritasdienste in den Stdten wahrnahem, wurde als verdchtig verschrieen.
Der Kirche wurden die Beginenhuser ein Dorn im Auge. So wurden schon nach 1400 Beginen als Hexen verschrien, vielenorts die Beginenhuser geschlossen und Beginen verbrannt. Es kam ganz drauf an, ob sich die Stadtregierung das gefallen liess. Jedenfalls in Bern wurde keine einzige Begine verhaftet noch verbrannt, weil der Rat ihre Ttigkeit als fr die Stadtgemeinschaft als sehr wertvoll beurteilte. Das gleiche gilt fr Thun.
Welches Fazit lsst sich nun fr die Zeit von 600 bis zur Reformation ziehen? Nur wenige Klster blieben ihrem caritativen Auftrag treu. Eine klare Klostergegenbewegung kam von den auf Einfachheit und Armut basierenden Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner. Die Kirche braucht das Geld vermehrt nur noch fr sich selber. Wenn sich die Kirche bis ins 6. Jahrhundert wirklich am jesuanischen Auftrag orientiert hatte, steht sie jetzt weit entfernt davon. Weil die Kirche die Sozialttigkeit vernachlssigt, gibt es eine Gegenbewegung: das Brgertum wird aktiv und beginnt diese Aufgabe wahrzunehmen. Hier beginnt sehr langsam das Pflnzchen des viel spteren Sozialstaates auf dem Boden einer christlichen Kultur zu wachsen. Die Weitergabe der jesuanischen Botschaft durch die Jahrhunderte blieb doch nicht ohne Folgen.

V. Humanismus, Reformation, Aufklrung und die christlichen Normen

Die humanistische vorreformatorische Bewegung, wesentlich geprgt durch Erasmus von Rotterdam, holte ihre Impulse bei den antiken Philosophen und den Staatstheoretikern Griechenlands; aber auch in der Heiligen Schrift: Von Erasmus von Rotterdam stammt eine fr die Folgezeit grundlegende Edition des griechischen Neuen Testaments. Was war der wesentliche Impuls?
Einerseits wird die Wrde des einzelnen Menschen zum Thema gemacht, anderseits das Wesen des Staates hinterfragt; denn jetzt beginnen sich Flchenstaaten zu bilden, und dabei stellt sich die Frage, welches die Aufgaben eines Staates sind, wer die Verantwortung trgt, wer regiert und mit welcher Legitimation.
Auf diesem Hintergrund brechen Martin Luther 1517, dann Zwingli 1519 und Calvin 1536 den Bann mit ihren reformatorischen Schriften. Ihre Stossrichtung: Die Kirche hat sich auf einen falschen Weg begeben, auf einen Irrweg, der nicht mehr der Heiligen Schrift entspricht.
Aus diesem Grund wird jetzt die Predigt des Gottes Wortes zentral, ebenso die bersetzung der Bibel in die Volkssprachen und damit deren Zugnglichmachung fr jedermann. Der freie Christenmensch soll sich selber aufgrund der Schrift ein eigens Urteil bilden knnen, was Jesus Christus gelehrt und gelebt hat. Damit er das kann, muss er geschult werden. Die Reformation macht die Bildung nicht mehr nur fr den Adel, sondern fr jedermann zugnglich! Gleichzeitig wertet sie die berufliche Arbeit als Geschenk Gottes und Nutzbarmachung der Gaben fr die Allgemeinheit auf. Auf dem Hintergrund der humanistischen Hinterfragung der Menschenwrde tritt der einzelne Mensch und Brger vermehrt ins Zentrum: er wird ernst genommen, voll genommen und nicht bloss als Untertan betrachtet. Die reformierte Gemeinde integriert ihn auch im gottesdienstlichen Geschehen mit seiner Teilnahme beim Verteilen des Abendmahls, beim Singen oder mit dem ltestenamt, dem heutigen Kirchgemeinderat. Was im Brgertum des Mittelalters an Selbstinitiative im Armenwesen begann, findet hier seine Fortsetzung fr jedermann und jederfrau. Die Selbstverantwortung dem Nchsten gegenber als Gehorsam gegen Gottes Wort wird sozusagen zum Kennzeichen des neuen Glaubensverstndnisses.
Einzig Calvin versucht in Genf, die reformatorischen Erkenntnisse auch auf das Staatswesen anzuwenden, das durch und durch auf christlicher Basis ruht und entsprechend Zucht und Ordnung schafft. Ein Ansatz zu einer demokratischen Form des Staatswesens findet sich darin noch nicht. Auch Calvin ist zu sehr der Struktur des fhrenden Brgeradels verhaftet. Immerhin ist in seinem Genferstaat die Armenfrsorge ernst genommen und geregelt.
In Bern fhrt die Regierung nach Volksbefragungen und einer Disputation 1528 die Reformation ein. Im Reformationsmandat lesen wir unter Art. 2: Zum Zweiten: Die vier Bischfe und ihre Gelehrten, die wir zu unserer Disputation schriftlich und mndlich eingeladen haben, sind trotz unserer Warnung doch nicht erschienen. Dazu passt, dass
sie die Schflein nur geschoren, nicht aber im Sinn der Lehre Gottes geweidet haben nein: im Irrtum stecken, ungetrstet und verwaist gelassen haben sie sie. Diese und derlei gerechte Grnde mehr haben uns bewogen, ihr beschwerliches Joch von unseren und euren Schultern abzuwerfen und so ihr eigenntziges Gewerbe abzustellen....
Wie in vielen auch deutschen Landen, beginnt von jetzt an das Staatskirchentum berall zu greifen: d.h. ein Staat eine Konfession. Der reformatorische Glaube wird zur Religion des Staates Bern. Die Regierung weist der Kirche ihren Platz zu, wo sie in erster Linie das Wort Gottes zu verknden und insofern die religisen Bedrfnisse der Leute zu befriedigen hat. Leider wird die Kirche damit instrumentalisiert und in ihrer Freiheit eingeschrnkt. Die Armenfrsorge ist noch an einem kleinen Ort und besteht zur Hauptsache im Almosengeben aus den Kollektengeldern.
Es gibt Arme, vor allem auf dem Lande, die entweder als Knechte der Grossbauern oder als Talner auf berschwemmungsgefhrdetem Boden zu wenig fr ihren Unterhalt anpflanzen knnen. Aber bis sich hier neue Erkenntnisse politisch durchsetzen knnen, kommen wir in die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Durch die Aufklrung, welche den reformatorischen Ansatz des Individuums verstrkt reflektiert und allmhlich neue Staatsformen entwickelt, ergeben sich Revolutionen in England, spter in Frankreich und dank Napoleon fegt das neue Bewusstsein des Brgertums die Patriziate weg und macht den Weg fr neue, demokratischere Strukturen frei.
Genau hier zeigt die Kirche eine Schwche: sie hat bis anhin ihren Auftrag der Armen- und Krankenfrsorge immer als direkt geleisteten Dienst verstanden. Sie hat aber noch nicht darber nachgedacht, was denn eigentlich die Ursache von Armut sein knnte? Dass es Gesellschaftsstrukturen sein knnten, die Ungerechtigkeiten zementieren und so Reiche immer Reichere, sowie Arme immer rmere produzieren.
Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Beginn der Industrialisierung und den frchterlichen Ausmassen der Armut, begann diese theologische Reflektion. Sie drang aber erst nach und nach in die Praxis. Auf dem politischen Parkett brauchte es die Aufrttelung mit dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels 1848, und in der Folge den Kampf der Sozialdemokraten.

VI. Das langsame Werden des Sozialstaates und die Landeskirchen

Mitte des 19. Jahrhunderts: der schweizerische Bundesstaat ist gegrndet, gottlob! Auch hier der Sieg einer Vision, die es bei den konservativen Geistern sehr schwer hatte. Aber etwas anderes lastete schwer und schwerer auf unserem Land: Die Armut! Als ich zusammen mit unserem Sohn in den 90-er Jahren die Schindelfassade am bndnerischen Walserhaus erneuerten, hatten wir diese schwere Zeit unmittelbar vor Augen. Beim Wegnehmen der alten, verwitterten Schindeln kamen nmlich Zeitungen hervor, die als Windschutz dienten. Bndner Tagblatt von 1865 bis 1872. Da fand sich immer auf der vordersten Seite eine Spalte Gaben aus dem Ausland. Beamte einer Versicherung in Ungarn sammelten fr die Schweiz, vom Zar kamen Summen, aus Berlin und New York ebenso. Im Ausland wusste man: in der Schweiz herrscht sehr grosse Not Hungersnot!
Ich erzhle meinem Schindel-Liferanten davon. Er ist nicht erstaunt, weil er seit Jahren in seiner Gemeinde forscht. Auf dem Gemeindearchiv stiess er auf eine Gemeindeversamm- lung. Dieser wurde ein Alternativantrag unterbreitet: Wir haben 50 armengenssige BrgerInenn. Es gibt zwei Mglichkeiten: wir bezahlen Untersttzungsgelder ber Jahre hinaus, oder wir bezahlen ihnen die berfahrt nach Amerika. Die Versammlung beschloss: berfahrt bezahlen! Und dann habe er aus den folgenden wenigen Jahren von diesen ausgeschafften Leuten Briefe gefunden. Erschtternde Zeugnisse ber Hunger, Krankheiten, Sklavenwesen und Tod. In diesen schweren Jahren gingen Anwerber in unserem Land herum, die Leute fr Plantagen in Brasilien anwarben. Die Behrden sagten nichts dagegen, sie waren heimlich froh. Bis dann endlich doch der eine und andere Brief von Ausgeschafften in Bundesbern landete und man aufmerksam wurde, dass dies Werber lgen: nichts von leerstehenden Husern und Plantagen! Keine Huser, nur Urwald, wo zuerst gerodet und die Huser auf Pump beim Plantagenbesitzer gebaut werden mussten. Mit der unertrglichen Arbeit mussten de Leute dann ihr Darlehen abzahlen, was in den meisten Fllen gar nie mglich war. Sie bleiben Sklaven. Jetzt erst um 1888 schickte der Bundesrat den Arzt und Bruder von Johanna Spyri nach bersee, damit er nachschaue, ob die Kalamitt wirklich so gross sei. Und er kam mit einem niederschmetternden Bericht zurck. Ab sofort verbot der Bundesrat weitere Werberei. Auf der letzten Seite des Bndner Tagblatts fanden sich immer Inserate: Gute berfahrt nach Amerika gewhrleistet. Melden Sie sich beim Reisebro und dann kamen solche Anbieter aus Zrich, Bern, Thun, Basel. - Immer lsst sich selbst aus der Not armer Menschen Geld machen...!
Im Kanton Bern wurde an den ersten Armengesetzen herumgebastelt. Man hngte die Armen zuerst den Heimatorten an. Sehen Sie Trub mit so vielen auswrts lebenden Heimatberechtigten? Und jetzt kommen die in Scharen ins Trub und Trub sollte sie unterhalten? Die totale berforderung, resp: man schickte diese leute einfach wieder fort. Dann wechselte man zu den orts- resp. Wohngemeinden. Natrlich noch ohne Lastenausgleich dieser wurde erst lange nach dem Zweiten Krieg eingefhrt. Es gab Armeninspektoren, weil meistens die Kinder auf Familien, vor allem Bauernfamilien verteilt und so verdingt wurden. Dort, das wissen wir unterdessen, wurden sie in den allermeisten, nicht ganz allen Fllen, schamlos ausgentzt als Chrampftiere, dann musste noch der Schulmeister auf diesen Kindern herumhacken oder der Pfarrer und ihr Schicksal war endgltig besiegelt.
Der noch junge Staat, die noch jungen Kantone mussten das Gesundheitswesen organisieren, Spitler und Armenanstalten wurden gegrndet. Aber in beiden Gesetzen hiess es im Kanton Bern ausdrcklich, chronisch Kranke drften nicht aufgenommen werden. Diese blieben also den Angehrigen zur Pflege neben aller Arbeit. Erst hier, 1886 kommt die Landeskirche sozial zum Vorschein: Engagierte Pfarrer grnden den Verein fr kirchliche Liebesttigkeit und in den kirchlichen Bezirken entstehen Vereine, welche Krankenheime fr chronisch Kranke grnden. Gleich wird auch das Problem der epileptisch Kranken erkannt, die ebenfalls zuhause gehtet werden mssen. So entsteht Tschugg. Kurz darauf werden Heime fr Kinder gegrndet, die bis dahin schlecht verdingt waren, jetzt aber unter direkter kantonaler kirchlicher Aufsicht stehen.
Dann kommt der Erste Krieg eine Katastrophe fr alle Familien, derer Ernhrer an der Grenze stehen: die Frauen mssen die schwere Arbeit selbst verrichten, und fr die Mnner gibt es keinen Lohnersatz. Wer nicht arbeitet, verdient nichts, auch wenn er Militrdienst tut. Nach dem Krieg ist die helle Emprung ringsum im Volk: die Armenlast riesengross. Generalstreik: Militr schiesst auf Schweizerbrger! Es folgt 1925 die Forderung nach einer Alters- und Invalidenversicherung sie verhallt in Bern fr 23 Jahre! Jetzt endlich gibt es neben der liberalen und konservativen ein neue, die sozialistische politische Kraft im Land. Die Arbeiterschaft erhlt eine Stimme. Gewerkschaften erstarken. Aber schon steigen wieder Gewitterwolken am Himmel auf. Hitler kommt an die Macht. Alle raufen sich zusammen. Dank Robert Grimm kommt 1936 endlich ein Arbeitsfriede zustande. Jetzt muss man zusammenstehen. Der Krieg verlangt von allen wieder sehr viel ab. Gottlob mit einem General, der ein menschliches Gesicht hat.
1945: endlich Waffenstillstand! Aber jetzt nicht ausruhen, jetzt mssen soziale Gesetze her. Endlich, endlich wird 1948 die AHV aus der Taufe gehoben: mindestens eine Versicherung fr die ltere Generation und die Hinterbliebenen. Ein grossartiges Werk bis heute! Und jetzt folgen sich die neuen sozialen Einrichtungen fast schlag auf Schlag: 1953 Familienzulagen fr die Landwirtschaft, im gleichen Jahr die Erwerbsersatzordnung (EO), 1960 die Invalidenversicherung (IV), 1966 die Ernzungsleistung (EL), 1983 die obligatorische Arbeitslosenversicherung, im Jahr darauf die obligatorische Unfallversicherung, 1985 die obligatorische Pensionskassenversicherung (BVG) und schliesslich 1996 die obligatorische Krankenversicherung. Ein riesiges Netz, das pltzliche Verarmung durch Unfall, Krankheit oder Arbeitslosigkeit auffangen soll. Der Sozialstaat Schweiz darf stolz auf diese Werke sein und wird im Ausland auch entsprechend darum benieden. Trotzdem mssen wir weiterhin dran bleiben.
Noch ein Blick auf die Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg: 1946 erhalten sie ein neues Gesetz: sie werden unabhngig, weil sie das Recht zum Einzug einer Kirchensteuer erhalten. Das schlgt sich in der Kirchenverfassung nieder, welche die Synode noch im selben Jahr beschliesst mit dem nach wie vor aktuellen Zweckartikel Absatz 4: Die evangelisch-reformierte Kirche das Kantons Bern bezeugt, dass das Wort Gottes fr alle Bereiche des ffentlichen Lebens, wie Staat und Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur gilt. Sie bekmpft daher alles Unrecht sowie jede leibliche und geistige Not und ihre Ursachen.
Ein grossartiger Artikel! Wenn ihn nur mehr Leute beherzigen wrden! Aber immerhin. Heute ist der sozial-diakonische Dienst in unseren Kirchgemeinden verankert, es arbeiten kompetent ausgebildete Leute in diesem Bereich und helfen nicht nur die politischen Sozialdienste zu entlasten, sondern ergreifen auch Initiativen fr Sozialprojekte, wenn es darum geht, unkomplizierte, schnelle Pionierarbeit zu leisten. Auf katholischer Seite gibt es die Caritas eine top kompetente Sozialstelle in Bern, die den Gemeinden mit Beratung zur Verfgung steht und grssere Projekte durchfhrt. Ein wichtiges Kind der Caritas ist der Caritas-Markt, der seit 5 Jahren auch in Thun an der Seestrasse 28 sein Angebot fr Minderbemittelte macht und leider immer noch steigende Kundenzahlen aufweist. Leider: das ist ein Zeichen, dass die Armut zu- und nicht abnimmt! Dieses Projekt untersttzt die Stadt mit dem Erlass der halben Miete des Lokals. Bei der Kulturlegi ergriff die Stadt die Initiative und die Kirchen konnten dank einem Sozialfonds den Start ermglichen. Also: wir sehen: die Kooperation zwischen Kirchen und stdtischen Institutionen funktioniert sehr gut. Der Diakon ist das Auge der Kirche haben wir in der syrischen Kirchenordnung gehrt. Daran hat sich nichts gendert: nur dies: alle drfen Auge sein und Missstnde sehen und etwas zur Bekmpfung in Gang geben. So kam es zum Beispiel seinerzeit im Winter 1990/91 zum Projekt Eisenbahnwagen beim damaligen Contakt, weil wir in Thun so viele Obdachlose hatten, die tagsber die Notschlafstelle nicht benutzen durften, aber keinen geheizten Aufenthaltsraum hatten. Im geheizten Eisenbahnwagen waren Sozialarbeiter der Staadt zugegen, es gab warme Mahlzeiten und Getrnke und die Kirche hatte innert krzester Zeit die ntigen Finanzen gesammelt.
Welches Fazit knnen wir ziehen? Wir haben den sozialen Idealzustand wahrscheinlich nie erreicht; aber es sind in den letzten 150 Jahren die Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften, die zuerst gegen die Kirche, welche die Arbeiterfrage lange missachtete, ausgerechnet das jesuanische Anliegen der Solidaritt mit den Armen zu leben, immer wieder auf soziale Ungerechtigkeiten hinzuweisen und Vorschlge zu deren Bekmpfung vorzulegen. Es ist die Aufgabe der Kirchen, neue Nte zu erkennen und unkompliziert anzugehen. Es braucht dann - wie die Geschichte zeigt - immer wieder Leute auf der brgerlichen Seite, die das Anliegen und das Gesprch aufnehmen und an Lsungen mitarbeiten. Das ist die eidgenssische demokratische Kultur. Und ich kann feststellen: die Bekmpfung der Armut ist ein Traktandum unserer Behrden. Nur leider nicht immer das erste.
Im Blick weit in das 21. Jahrhundert hinein mchte ich zum Schluss vier grundstzliche Anstze zur Bekmpfung der Armut vorlegen.

VII. Vier grundstzliche Anstze zur Bekmpfung der Armut heute

Ich setze bei unserem Schlsseltext der ersten Gemeinde in Jerusalem ein: dort steht das Gemeinwohl an erster Stelle. Im rmischen Recht bis heute steht das Wohlergehen des einzelnen an vorderster Front, unter ferner liefen kann dann noch ber das Gemeinwohl verhandelt werden. Das ist der Unterschied, der uns das heutige Unrecht beschert! Wie hiess es einst? Einer fr alle alle fr einen; aber das galt wohl nur auf dem Schlachtfeld.
Wir leben in der Postmoderne und im nachindustriellen Zeitalter. Der Dienstleistungssektor dominiert, wesentlich geprgt durch die medialen universalen Kommunikationsmglich- keiten, und Maschinen verdngen nach wie vor Arbeitskrfte. Was ich im folgenden darlege, sind vier Gedankenanstsse. Jeder ist zum Teil schon in Bchern ber hunderte von Seiten entwickelt und dargelegt worden. Es sind also Skizzen.

1. Das Steuersystem

Es gibt serise Studien, die davon ausgehen, dass die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich ansteigen wird, weil es schlicht an Arbeitspltzen fehlen wird, resp. vermehrt nur noch qualifizierte Arbeitspltze zur Verfgung stehen. Leute mit weniger intellektuellen Fhigkeiten knnen ihre manuellen kaum mehr nutzbar machen.
Bereits im Zeitalter der Industrialisierung ich erinnere an den Weberaufstand in Uster anno 1832 als die neue Lochkartentechnik von Jaccard eingefhrt wurde zeichnete sich Arbeitslosigkeit ab. Und es gab Stimmen, die damals forderten, die Maschinen zu besteuern; schliesslich wrden sie ja Arbeit der Menschen verrichten. Aber bis heute hatte diese Forderung keine Chance. Besteuert wird der verdienende Mensch. Die Einkommenssteuer wird im Vergleich zur Vermgenssteuer viel hher bewertet. Wieso eigentlich? Jeder vernnftige Finanzkenner weiss, dass Geld dann am ntzlichsten ist, wenn es fliesst, und nicht, wenn es gehortet wird. Es wre daher absolut folgerichtig, das Vermgen hoch zu besteuern und das Einkommen niedrig. Das wrde zur Folge haben, dass nicht ausgerechnet die arbeitende und verdienende Bevlkerung, sondern die hortende die Steuerlast tragen msste. Vielleicht wrde sie dann das Vermgen wesentlich effiizienter investieren als heute. Krzlich hat mir der Patron eines 15-Mann-Betriebes, ein 45 jhriger Mann, der zusammen mit seiner Frau das Geschft fhrt, folgendes gesagt: Er verstehe nicht, dass er mal grundstzlich den Betriebsgewinn versteuern msse. Er fnde es viel gerechter, wenn das Geld, das er vom Betriebsgewinn in die Firma investiere, um technisch auf der Hhe zu bleiben und Arbeitspltze zu erhalten oder zu mehren, steuerfrei wre. Hingegen das Geld, das er als Vermgensanhufung privatisiere, sehr hoch besteuert werde. Das hat ein Patron gesagt, kein Manager!
Und wieso wird in vielen Kantonen keine Erbschaftssteuer erhoben? Da geht es doch erstens um gehortetes Geld, das nicht in Umlauf gebracht worden ist, zweitens um Geld, fr das die Nachkommen keinen Finger gerhrt haben?! Allein aus den Erbschaftssteuern wrden unserem Land Millionen zur Verfgung stehen. Aber wer will diese Steuer unbedingt nicht? Die Brgerlichen, die in erster Linie das Horten innerhalb der Familie im Auge haben, anstatt das Gemeinwohl.
Fazit: Jesus spricht: Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert werden, wem viel anvertraut ist, von dem wird mehr verlangt: Lukas 12,48. Das Vermgen viel strker zu besteuern, entspricht biblisch-christlicher Norm.

2. Das Bodenrecht

Wenn wir von der hheren Besteuerung des Vermgens sprechen, dann muss sofort auch das gesagt sein: Keine Bodenspekulationen! Dazu ganz konkret von Thun: Als ich 1981 neu in die Kirchgemeinde Strttligen kam, stand an der ersten Kirchgemeinderatssitzung der Kauf von Land fr das Pfarrhaus Scherzligen zur Debatte: 191 Franken pro Quadratmeter wurden vom Verkufer verlangt. Da gab es Stimmen, die diesen horrenden Preis nicht akzeptieren wollten. Zehn Jahre spter wurden im selben Quartier 1000 Franken fr den Quadratmeter verlangt. Das war auch die Zeit, wo ich viele Familien kannte, die sich ihre Mietwohnung nicht mehr leisten konnten und deswegen von Thun weg zogen aufs Land. Damals bildete sich in unserer Kirchgemeinde eine Gruppe Bodenrecht mit lteren Mnnern, welche die Bewegung von Silvio Gesell Freiland- Freigeld in den Zwanzigerjahren miterlebt, mitverfolgt und damit sympathisiert hatten. Was ist dort der Ansatz? Boden ist unverkuflich und nur mietbar oder im Baurecht erhltlich! Boden gehrt ausschliesslich Genossenschaften oder ffentlich-rechtlichen Krperschaften: d.h. politischen Gemeinden, Burgergemeinden, Kirchgemeinden. Dieser Boden wird immer von einem demokratisch organisierten Kollektiv gehalten. Dieses legt die Spielregeln fest und profitiert davon. Der Boden ist uns gegeben, angeboten und wir sind Gste hier auf Erden. Wer Boden zum Privateigentum erklrt, raubt ihn. Wiederum eine konomie-Nobelpreistrgerin, Elimas Ostrom, hat im Wallis die Trbler Alp-Nutzungsrechte untersucht: Eine typische Genossenschaft, die sich selbst demokratisch reguliert und sich seit Generationen fr die gemeinsame Nutzung der Alpweiden Regeln gegeben hat, wo jeder u.a. auch freiwilligen Arbeit leistet. Elimas Ostrom stellt die These auf: die soziale Kontrolle und demokratisch entstandene Regeln sind das konomie-Modell der Zukunft. Sie weist dann auf eine Stadt in Kalifornien hin, die von den Steuersumigen kurzerhand fnf Namen publiziert hat, einen Monat darauf die nchsten fnf Namen innert kurzer Zeit waren alle Steuern bezahlt, weil keiner seinen Ruf schdigen wollte: das ist soziale Kontrolle heute!
Nehmen wir ein Beispiel zum gemeinsamen Bodenbesitz: die Burgergemeinde Bern. Sie erhielt bei der Ausscheidung des Landes zwischen Einwohnergemeinde und Burgergemeinde 1852 vor allem das Land rings um Bern, die Einwohnergemeinde jenes im Stadtkern.
Die Burgergemeinde hat Land und Wald. Damit erwirtschaftet sie sich bis heute smtliches Geld fr ihre Verwaltung, die ganze Sozialhilfe, die Forstwirtschaft und die Investitionen. Die Burgergemeinde untersttzt das Historische Museum, ist Besitzerin des Naturhistorischen Museum, finanziert unzhlige kulturelle Trger und Anbieter. Um dies alles bewltigen zu knnen, bezieht sie aber nicht einen einzigen Steuerfranken! Sie generiert die ntigen Finanzen aus dem Boden. Stellen Sie sich vor, der Boden der Einwohnergemeinde Thun gehrte der Einwohnergemeinde. Smtliche Baurechtszinse flssen in die Stadtkasse. Die Gemeinde Thun knnte die Baurechtszinse fr alle in wohl berlegten Abstufungen festlegen, ebenso die Dauer der Baurechtszinse. Englisches Kronland wird fr 99 Jahre vermietet. Was machte das denn schon aus fr den heutigen Besitzer: ob das Land ihm gehrte oder der Stadt? Er knnte ja da bleiben wo er ist, bezahlte den Zins wie jeder Mieter und knnte das Baurecht vererben. Es hat mir noch nie jemand erklren knnen, wieso bei einem Hauskauf Land und Liegenschaft als ein Verhandlungsgegenstand gehandelt werden. Der Boden ist doch etwas ganz anderes als eine Immobilie? Sehen Sie, genau darin zeichnet sich das Unchristliche, dafr Rmisch-Heidnische unserer Gesetze ab. Oder sagen wir: Die Ignoranz, dass uns der Boden zum Lehen und nie zum Besitz gegeben ist.
Wir sind noch beim Bodenrecht. Das sollte uns eigentlich aufwecken: Die Krise 1929 war eine Immobilienkrise. Im Jahr 1990 platzte in Japan eine grosse Immobilienblase, und das Land hat sich in zwanzig Jahren bis heute(!) noch nicht aus der Deflation lsen knnen! berall muss massiv gespart werden. Der Bankencrash 2008 war eigentlich das Platzen einer riesigern Immobilienblase, die heute auch die Reichen erfasst, weil sie ihre Villen in den USA nicht mehr halten knnen. Momentan steht die Befrchtung einer Deflation im Raum. Diese grosse Krise hat weite Teile der Welt erschttert und Staaten in bedrohliche Schieflage gebracht hat - denken wir nur an Island oder Griechenland und ist noch lngst nicht ausgestanden. Und jetzt luft es bei unseren Grossbanken genau gleich weiter mit dem Investementbanking: Auf Boden und Huser wird weiter drauflos spekuliert. Htten wir berall ein demokratisch kontrolliertes Bodenrecht, das Land nur vermietet, htten wir weder hoch verschuldete Staaten, noch eine sich weiter ausbreitende Armut. Fr den konomie-Nobelpreistrger Joseph Stiglitz ist ganz klar: Kanada und Spanien gingen relativ schwach beschadet daraus hervor, weil die Banken vom Staat sehr sinnvoll reguliert werden. In unserem Land beackern die Banken unsere Parlamentarier so lange, bis diese lngst berfllige Regulierung erstens zeitlich immer lnger hinausgeschoben, und die Regulierung schlussendlich wirkungslos sein wird. Wenn es anders kommt, grenzt es an ein Wunder! Im Blick auf die weltweite Armutsbekmpfung darf ein anderer konomie-Nobelpreistrger nicht vergessen werden: Der Inder Amartya Sen, der 1998 in vielen Lndern nach Grnden der Armut geforscht hat und zur Feststellung gelangt ist: In Staaten, wo die BrgerInnen politische Teilhabe und Demokratie leben, gibt es keine Hungersnte. Demokratie ist fr die Armutsbekmpfung eine Grundvoraussetzung. Diese wre zumindest in unserem Land gegeben, und trgt ja auch Frchte.
Zum Bodenrecht gehrt auch die Plnderung von Bodenschtzen durch landesfremde Institutionen. Es ist doch ein absolutes Unding, wenn Nestl berall Quellenland kauft, das Wasser in Flaschen abfllt und den Armen teuer verkauft! Oder anders: es ist doch absolut richtig, wenn die Gemeinde Thun die Energie Thun AG , welche fr die Wasser- und Energieversorgung zustndig ist, nicht aus der Hand gibt! brigens: an diesem Beispiel haben wir gesehen, wieso die Demokratie gerade in Bodenrechts und Eigentumsfragen so wichtig ist: Die Bevlkerung merkt sofort, wenn jemand auf ihre Kosten ein Geschft machen will, und wehrt sich entsprechend.
Ich hre den Vorwurf: dieses Bodenrecht ist doch reine Utopie! Utopie ist ein Hirngespinst und eine Schwrmerei; ich wrde lieber sagen: eine Vision. Ein Land das keine Visionen mehr hat, hat keine Zukunft. Es gibt in Deutschland Studien, wie das heutige Privat-Bodenrecht in das neue Gemein-Bodenrecht umgewandelt werden kann. Es ist ein Prozess, der ber ca. zwanzig Jahre vom einen zum andern System fhrt und fr die Bodenbesitzenden als Null-Lsung endet. Dafr wre der Profit fr die Gemeinschaft enorm! Und vor allem: schauen Sie in die Welt hinaus: die Millionen und Abermillionen Arbeitslosen: und sie haben immer noch ein Steuersystem, das dem Staat das Geld vor allem von den Verdienenden holt: das wird nie und nimmer aufgehen!
Fazit: das wre eine christlich-biblische Norm, den Boden als Lehen und damit als unverusserlich zu betrachten. Er gehrt dem Gemeinwesen und keiner Privatperson.

3. Das Grundeinkommen

Die Kirchgemeinden haben im vergangenen Winter die Armut bereits thematisiert, ua. mit dem Thema Grundeinkommen. Worum geht es? Ich muss vorausschicken, dass ich hier unmglich das ganze System erklren kann, wenn Fachleute dafr einen ganzen Abend gebraucht haben. Es geht nur um eine Skizze.
Ein Einkommen braucht im nachindustriellen Zeitalter jeder Mensch, unabhngig davon, was er leistet und ob er arbeitet oder nicht. Heute setzt sich dieses Einkommen je nach dem aus Lohn, oder Sozialhilfe, oder AHV plus EL, oder AHV und Pensionskasse und 3.
Sule zusammen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wrde alles sehr vereinfachen und ist die zeitgemsse politische Form. Seine Finanzierung ist mglich, wenn man es will. Jeder erhlt ohne Ansehen der persnlichen Verhltnisse ein Einkommen fr sein Leben in Selbstbestimmung und kultureller Teilnahme auf bescheidenem, aber nicht notleidendem Niveau. Dahinter steht nicht die Mentalitt des Arbeitslosengeldes, sondern des grossen Ja zu den Entfaltungsmglichkeiten und der Selbstverantwortung jedes Menschen in seiner Wrde. Das Grundeinkommen knnte in der Schweiz pro Monat 2000 bis 25000 Franken betragen und fr Kinder bis 16 jhrig 500 plus 100 pro Lebensjahr. Im Unterschied zum Kommunismus, der den Einzelnen erstickt, und zum Marktliberalismus, der den Einzelnen im Stich lsst, fordert das Grundeinkommen eine Absicherung, um eine maximale Freiheit zu schaffen, damit der Einzelne sich entscheiden kann. Und das geht eben nur mit einer Einkommensgarantie. (Dr. Sascha Liebermann) Sehr deutlich ussert sich Prof. Peter Ulrich, Wirtschaftsethiker an der Universitt St. Gallen: Von ganz rechts bis ganz links rufen alle nach Wirtschaftswachstum. Das heisst, man denkt in Quantitt und verdrngt damit die Chance, qualitativ neue und hherwertige Organisationsmodelle fr unsere Gesellschaft zu entwickeln.
Das Grundeinkommen wrde sehr viele heutige Sozialleistungen berflssig machen. Nur Sozialleistungen mit dem Betrag ber das Grundeinkommen hinaus blieben erhalten. Erzeugt wrde die Finanzierung durch eine entsprechende Erhhung der Mehrwertsteuer. Schweden zB mit einem nach wie vor gut ausgebauten Sozialsystem hat eine Mehrwertsteuer von 25%. Die Bezahlung des Grundeinkommens durch die Mehrwertsteuer setzt ein wichtiges Zeichen: Nicht das Einkommen, sondern die Ausgaben sollen besteuert werden. Das gilt fr alle gleich und bewirkt ein bewussteres Konsumieren in der heutigen berflussgesellschaft. Anderseits wrden die Arbeitgeber entlastet, wir erhielten ein niedrigeres Lohnniveau, dessen heutige Hhe von Arbeitgebern immer wieder zum Anlass genommen wird, ber unsere hohen Produktionskosten zu klagen. Nehmen wir ein Beispiel aus demselben Betrieb: Willi ist alleinstehend und hat einen Hund. Hans ist verheiratet und hat zwei Kinder. Vor der Einfhrung des Grundeinkommens verdienten monatlich beide FR 5000.-. Jetzt haben beide das Grundeinkommen: Willi fr sich allein: Fr. 2500.-; er kommt neu auf Fr. 7500. Hans mit Frau und zwei Kindern kommt auf ein Grundeinkommen von Fr. 7500.- (2x 2500 und 2x1000 und 1x1500) plus den Lohn total auf Fr. 12500.-. Bei einer Verminderung des Lohns um 50% bliebe Willi auf seinen 5000 und Hans kme auf 10000 Franken. Oder beide sagen sich: jetzt arbeite ich nur noch 50%, dann bekommt dafr ein anderer Arbeit. Dieses System mit dem Grundeigentum wrde in unserer Gesellschaft das ganze Sozialversicherungswesen (viele Einrichtungen wren berflssig), das Lohnwesen, das Gesundheitswesen und die Altersvorsorge vereinfachen. Dafr htten wir keine Armengenssigen mehr; denn auf 2500 Franken kommt heute nicht einmal jemand mit AHV und EL.
Ich bedaure es sehr, dass das Grundeinkommen in den letzten Jahren auf der politischen Bhne kaum mehr ein Thema war. Es muss wieder vermehrt ffentlich und laut darber nachgedacht werden. Meines Erachtens erhielten wir damit eine Existenzsicherung fr jedermann und jederfau, die den neuen Gegebenheiten im 21. Jahrhundert mit immer weniger Arbeitspltzen entsprche.
Fazit: Das urchristliche gemeinsame Teilen als Existenzgrundlage fr alle (auch die griechischsprachigen Witwen) htte in einer staatlichen Sozialstruktur mit Grundeinkommen ihre adquate Form gefunden.

4. Das duale Bildungssystem

Die Reformation, spter untersttzt durch die Aufklrung und den Liberalismus, haben das Bildungswesen fr alle in unsere Kultur getragen. Obligatorische Schulpflicht fr alle!
Nach dieser gibt es in unserem Land, als wre es das Selbstverstndlichste, grundstzlich zwei Wege: die gymnasiale und die Berufs-Ausbildung mit Lehre. Man nennt dieses Bildungssystem dual eben zwei-wegig. Wieso erwhne ich das unter dem Thema Armut? Weil es unter dessen zum Allgemeinwissen gehrt, dass Bildung vor Arbeitslosigkeit schtzt. Mit andern Worten: dass Leute ohne nachschulische Bildung den hchsten Prozentsatz der Arbeitslosen ausmachen. Hans Rudolf Strahm, der frhere Preisberwacher, hat nun diesbezglich eine interessante Studie verfasst. Er stellt fest: im April 2010 kennt die Schweiz eine Jugendarbeitslosigkeit von 4,5%. In Spanien sind es gleichzeitig 40,3%. In Europa sind derzeit 5,3 Millionen jener Jugendlichen unter 24 Jahren, die in keiner Ausbildung stehen, als arbeitslos registriert. Die Jugendarbeitslosigkeit ist der beste Indikator, ob ein Bildungssystem taugt und ob es auf den Arbeitsmarkt gut vorbereitet oder nicht. Wir kennen in Europa fnf Lnder mit dem dualen Bildungssystem, das traditionsgemss aus dem Zunftwesen hervorgegangen ist: die Schweiz, sterreich, Deutschland, Dnemark und die Niederlande. Die lateinischen also ursprnglich rmischen Staaten wie Frankreich, Italien, Spanien, Portugal kennen die duale Beruflehre ebenso wenig wie die angelschsischen Industrielnder Grossbritannien und die USA. In der Krise 2009 betrug die Jugendarbeitslosenquote in den Berufsbildungslndern 8%, in den Lndern ohne Berufsausbildung 25%, also dreimal mehr! Jetzt noch ein Blick auf die Pisa-Studie, vor der gewisse Leute fast erstarren vor Ehrfurcht. Finnland schwingt da bekanntlich obenaus, kennt aber nur die gymnasiale Schiene fr ber 90% der Jugendlichen, dafr keine Berufslehre. Und das Resultat? Finnland hat eine Jugendarbeitslosigkeit von 23%! Griechenland mit einer Maturittsquote von 66% hat 30% arbeitslose Jugendliche. Studienabgnger sind froh, wenn sie als Taxifahrer und Bootsverleiher arbeiten knnen. Strahm folgert: Arbeitslosigkeit und Armut bekmpft man nicht mit immer mehr Sozialleistungen und mit dem Ausbau des Sozialsystems. Armut beseitigt man nachhaltig nur mit einem integrierten dualen Berufsbildungssystem. Prventive Sozialpolitik heisst Berufsbildung. Wir mssen in der Schweiz weg kommen von der Meinung, nur wer die Matura mache, habe eine Lebenschance! Diese Ansicht ist durch die Erfahrung total widerlegt! Wollen wir ein Akademikerproletariat, das eben schliesslich als Taxifahrer endet? Oder wollen wir auch top ausgebildete Handwerker, die unsere Sanitreinrichtungen noch erstellen und flicken knnen? Ich breche seit Jahren eine Lanze fr die praktisch und theoretisch ausgewogene Berufslehre unseres dualen Bildungssystems als wirksamste Waffe gegen die Arbeitslosigkeit!
Fazit: Es entspricht dem jesuanischen Menschenbild, die Gaben jedes Menschen und diese sind nicht nur intellektueller, sondern auch musischer oder manueller Natur zugunsten der Gemeinschaft zu frdern und damit das Selbstvertrauen und die persnliche Freiheit zu strken.

Schluss

Mit diesen vier Gedankenanstssen mchte ich es bewenden lassen. Es sind Visionen, die irgendeinmal umgesetzt werden. Aber vorher haben sie es mit schweren Kmpfen gegen konservative Geister und ngstliche Besitzstandwahrer zu tun. Aber wer sich nicht auf Visionen einlsst und sich damit auseinandersetzt, endet im Debakel. Wie das Patriziat anno 1798. Dann kam halt ein Auslnder namens Napoleon und bereitete uns den Weg, damit eine moderne Demokratie entstehen konnte. Die Zeit steht nicht still. Und wir hoffentlich auch nicht.
Liebe Anwesende
Es ist mir bewusst: ich habe Sie sehr lange in Anspruch genommen. Ich entschuldige mich aber dafr nicht; denn es ist ein Mimimum an Zeit, die wir damit verbracht haben, ber die Grnde der Armut und ber die Mglichkeiten ihrer berwindung nachzudenken. Und das sind und bleiben wir den Betroffenen schuldig!

Danke!